Auf die Fähigkeiten kommt es an

Vor ein paar Monaten berichtete mir ein Bekannter, der in der In-House-Logistik eines Krankenhauses tätig ist, dass das Management der Klinik fahrerlose Transportfahrzeuge einführen möchte. Diese autonomen Fahrzeuge, die im Fachjargon auch AGVs (Automated Guided Vehicles) genannt werden, sollten dann einen Großteil der internen Logistik übernehmen. Nach dem Vorbild von Amazon sollten die Vehikel selbstständig die Mahlzeiten der Patienten ausliefern sowie Wäsche und auch die Patienten selbst zu ihrem jeweiligen Bestimmungsort transportieren. Gleichzeitig plante das Management, die Abteilung, in der auch mein Bekannter tätig ist, samt Mitarbeitern an einen externen Dienstleister auszugliedern.

 

Ich sah meinem Bekannten die emotionale Betroffenheit sofort an. Er war alles andere als begeistert bezüglich der Überlegungen des Managements. Mein Bekannter reagierte verschlossen, was wahrscheinlich auch für viele seiner Kolleginnen und Kollegen galt. Was ich voll und ganz nachvollziehen kann und was nur natürlich ist, wenn man das Gefühl hat, persönlich angegriffen zu werden. Er berichtete mir, dass der externe Dienstleister deutlich weniger Gehalt zahlen würde und sich die Arbeitsbedingungen vermutlich ändern würden. Kurzum: Er machte sich Gedanken um seinen Job, die Existenzgrundlage für ihn und seine Familie.

 

Ich dachte über die Ausführungen meines Bekannten nach und sofort kam mir ein Beispiel in den Sinn, das ich in meinen Keynotes zum Thema „Digitale Arbeitswelt“ verwende: Im Jahr 1840 waren in den USA rund 68 Prozent aller Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig. Ein paar Jahre später wurde dann die Melkmaschine erfunden. Dann kamen der Traktor dazu und all die anderen Maschinen. Und plötzlich sank die Beschäftigtenzahl immer weiter und weiter. 2019 betrug der Anteil der Beschäftigten in der US-amerikanischen Landwirtschaft nur noch etwa drei Prozent. Für Deutschland sehen die Zahlen ähnlich aus.

Der technische Fortschritt hat in den vergangenen 150 Jahren auch in der Landwirtschaft zu zahlreichen Veränderungen im Arbeitsalltag geführt. (Bild: Jannis Knorr/Pexels)

Kaum einem ist das heute noch bewusst. Und ich glaube, dass sich kaum ein Mensch auf der Welt finden wird, der den harten Bedingungen, unter denen die Landwirte früher gearbeitet haben, nachtrauert. Und was sagten die Landwirte damals? Sie reagierten wahrscheinlich ähnlich bestürzt wie mein Bekannter: Oh mein Gott, jetzt ist die Melkmaschine da, was soll jetzt bloß aus David werden? David steht hier stellvertretend für all die jungen Männer von damals, die sich im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft etwas Neues überlegen mussten. Und was hat sich David überlegt? Er dachte sich: Ich bin nicht mein Beruf. Wenn es in der Landwirtschaft keinen Job mehr für mich gibt, dann ziehe ich los und suche mir irgendwo anders einen neuen Job, der meinen Fähigkeiten entspricht.

 

Was ich damit ausdrücken möchte: Wir Menschen definieren uns sehr stark über unseren Beruf. Das trifft insbesondere auf Menschen aus den westlichen Industriestaaten zu. Was auch nicht weiter verwunderlich ist, denn unser Job gibt uns das Gefühl, gebraucht zu werden. Er gibt uns das Gefühl, bedeutend zu sein. Wenn uns unser Job jedoch plötzlich weggenommen werden soll, dann reagieren wir verständlicherweise verschlossen, verärgert und auch aggressiv. Ängste und Sorgen gehen uns durch den Kopf, weil wir uns fragen, ob wir diesen Job auch noch irgendwo anders bekommen werden oder ob er zukünftig gänzlich wegfällt.

 

Ich bin der Meinung, dass die starke Identifikation mit unserem einst erlernten Beruf uns im 21. Jahrhundert angreifbar und unflexibel im Zusammenhang mit der Digitalisierung macht. In Angststarre oder Panik zu verfallen, weil man persönlich betroffen ist, war noch nie eine gute Strategie, um eine Herausforderung zu meistern. Die Lösung: Stattdessen sollten wir uns mit unseren Fähigkeiten identifizieren und aus ihnen das notwendige Selbstvertrauen für die Zukunft ziehen. Unsere Fähigkeiten machen uns flexibel und unabhängig von einem bestimmten Beruf, da sie sich auf andere Berufe übertragen lassen.

 

Nehmen wir das Beispiel meines Bekannten. Er ist ein Experte für In-House-Logistik von Krankenhäusern. Er kennt die Prozesse, er weiß, wo die Engpässe sind und er kennt die Herausforderungen des Systems. Allein sein Wissen und seine Erfahrungen sind Gold wert für jeden, der die interne Logistik eines Krankenhauses nachhaltig digitalisieren will. Gepaart mit seinem handwerklichen Geschick und der Fähigkeit, komplexe Systeme zu organisieren und die Dinge kritisch zu hinterfragen, könnte er sich an dem geplanten Vorhaben des Managements aktiv beteiligen und eine Schlüsselrolle im Transformationsprozess einnehmen.

 

Oder er könnte bei dem Unternehmen anheuern, das die fahrerlosen Transportsysteme herstellt und installiert. Das Ganze ließe sich zusammenfassen unter dem Motto: „Experten aus der alten Welt schaffen mit Experten aus der neuen Welt neue Werte für die Gegenwart“. Ein Motto, dem übrigens immer mehr Unternehmen aus der alten Welt folgen, indem sie ihre angestammten Mitarbeiter gezielt mit Experten aus den Zukunftsbranchen zusammenbringen. 

In welchem anderen Beruf kann ich meine Kenntnisse und Fähigkeiten noch einsetzen? Mit dieser Einstellung bleiben Arbeitnehmer*innen flexibel. (Bild: Helena Lopes/Pexels)

Was wäre die Alternative für meinen Bekannten? Sollte sein Job tatsächlich wegfallen, dann könnte er sich in der Abteilung für In-House-Logistik eines anderen Krankenhauses bewerben. Eines Krankenhauses, das bei der Digitalisierung noch nicht so weit ist. Doch damit würde er das Unvermeidliche nur hinauszögern. Was ebenfalls nicht zu den vielversprechendsten Strategien gehört. Irgendwann würde auch dieses Krankenhaus ein fahrerloses Transportsystem einführen und er würde vor derselben Herausforderung stehen, wie vorher.

 

Was kann also jeder von uns tun, um den Wandel der Arbeitswelt für sich zu nutzen? Wir sollten damit beginnen, uns mit unseren Fähigkeiten zu identifizieren und nicht mit unserem aktuellen Beruf. Die Digitalisierung erwartet von uns Flexibilität und Offenheit für Neues. Versteifung auf einen einst erlernten Beruf wird uns nicht weiterbringen.

 

 

Für alle Angestellte, die den Wandel gestalten wollen gilt:

  1. Führe Buch über die Dinge, die Dir auf der Arbeit besonders gut gelungen sind.

  2. Leite anschließend die darauf basierenden Fähigkeiten ab.

  3. Welche neuen Industrien und Tätigkeitsfelder gibt es, die von Deinen Fähigkeiten profitieren könnten?

  4. Entwickele Dich sich aktiv in die neue Richtung weiter.

 

Für alle Arbeitgeber, die Ihre Angestellten dabei unterstützen wollen gilt:

  1. Führe Buch über die Dinge, die Deinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besonders gut gelungen sind.

  2. Leite zusammen mit Deinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die darauf basierenden Fähigkeiten ab.

  3. Welche neuen Tätigkeitsfelder und Technologien ergeben sich in Deinem Unternehmen, die von den Fähigkeiten Deiner Mitarbeiter profitieren könnten?

 

Vor ein paar Tagen sprach ich erneut mit meinem Bekannten. Er berichtete mir, dass das fahrerlose Transportsystem nun doch nicht eingeführt würde. „Aktuell noch zu teuer für das Krankenhaus“, so die Aussage des Managements. Und auch die Ausgliederung des Personals sei wohl nicht so einfach wie gedacht. Noch einmal Glück gehabt also. Aber, wie heißt es doch gleich: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Entweder wir planen unsere Zukunft oder unsere Zukunft plant für uns. Letzteres wird uns möglicherweise nicht gefallen.

 

 

 

(Titelbild: Cleyder Quiroz/Pexels)

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