Blasenfrei denken: Wie man Ideen außerhalb seiner Bubble findet

Laut einer Studie (2020) des Psychologen Dr. Jordan Poppenk und seiner Studentin Julie Tseng von der Queen’s University, haben wir Menschen durchschnittlich 6.200 Gedanken pro Tag. Ein Großteil dieser Gedanken wiederholt sich dabei. Das liegt unter anderem daran, dass unser Gehirn nur sehr ungern neue Verbindungen schafft, da dieser Prozess sehr energieintensiv ist.

 

Wenn wir einmal etwas gefunden haben, das für uns funktioniert beziehungsweise in unser Weltbild passt, dann bleiben wir in der Regel dabei, auch wenn es (bessere) Alternativen gibt. Was übrigens völlig normal ist. In der Kognitionspsychologie spricht man in diesem Zusammenhang von der Neigung von Menschen, Informationen so auszuwählen, zu suchen und zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen bestätigen. Man spricht auch vom sogenannten Confirmation Bias, also dem Bestätigungsfehler. Es ist einer der Gründe, warum Menschen und ganze Organisationen sich so schwer mit Veränderungen tun.

 

Doch wie kommt man nun auf neue Ideen? Da hat jeder so seine eigene Methode. Der ehemalige CEO des deutschen Chip-Herstellers Infineon, Reinhard Ploss, betont die Wichtigkeit, sich die jugendliche Begeisterung fürs Ausprobieren zu bewahren und sich mit Menschen zu umgeben, die neue Dinge machen wollen.

 

Der verstorbene Steve Jobs wusste auf diese Frage mit einer Geschichte aus seinem Leben zu antworten. So hatte er mal einen Kalligrafie Kurs belegt, weil er sich für die Kunst des schönen Schreibens interessierte. Und als sie dann bei Apple den ersten Mac entwickelten, bauten sie unterschiedliche (schöne) Schriftformen ein. Was bis zu diesem Zeitpunkt bei Personal Computern nicht üblich war. Steve beschrieb sein Vorgehen als „Connecting the dots.“

 

Ich persönlich halte es wie die rechte Hand der Investment-Legende Warren Buffett, Charlie Munger: „In my whole life, I have known no wise people (over a broad subject matter area) who didn’t read all the time – none, zero.“

 

Beiträge lesen, die auf den ersten Blick nichts mit der eigenen Branche zu tun haben, kann den eigenen Blick auf eine bestimmte Sache verändern. Ich persönlich hatte erst neulich wieder so einen Moment, nach dem Motto: Ach guck mal, hätte ich jetzt nicht miteinander in Verbindung gebracht. Es handelte sich um das Unternehmen Canon.

 

Canon kannte ich bisher nur aus der Perspektive eines Konsumenten von Elektronik: Digitalkameras, Tintenstrahldrucker und so was halt. Dass das Unternehmen aber auch Lithographie-Anlagen für die Chipindustrie herstellt, war für mich neu.

 

Darauf gestoßen bin ich in einem Beitrag des MIT Technology Review, in dem es um die einmalige Marktstellung im Bereich Lithographie-Anlagen von ASML (Advanced Semiconductor Materials Lithography) ging. Der niederländische Konzern ist der führende Hersteller für Geräte zur Chipherstellung. Laut Société Générale hält ASML einen Marktanteil von 85 Prozent. Ohne die Anlagen der Niederländer geht gar nichts. Aus diesem Grund haben die USA im Handelskrieg mit China über die Anlagen des Unternehmens ein stricktes Exportverbot nach China verhängt.

 

Vor diesem Hintergrund hat Canon eine Nanodrucktechnologie entwickelt, mit der sich ebenfalls Halbleiterstrukturen im Nanometerbereich herstellen lassen. Es scheint eine vielversprechende Alternative zu der Technologie von ASML zu sein. Der Beitrag im MIT Technology Review rückte Canon für mich in ein völlig neues Licht. Noch beträgt der Anteil der Lithographie-Sparte nur acht Prozent vom Gesamtumsatz. Bei einem erfolgreichen Durchbruch der Technologie, könnte sich das jedoch ändern. Es ist eine Wette auf die Zukunft. Da Canon jedoch nicht im medialen Mittelpunkt steht, anders als ASML, erscheint der Blick auf die zweite Reihe als vielversprechend.

 

Wie man es auch macht, wichtig ist, dass man die Ideenfindung systematisiert. Auch hier sind wir Menschen Gewohnheitstiere. Wenn sich die Routine einmal etabliert hat, dann fällt es uns leicht, sich mit neuen Dingen zu beschäftigen. Was sicherlich nicht die schlechteste Kompetenz in einer sich immer schneller wandelnden Welt ist.

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